Die die Wand hoch rennt

Kletterin Franziska Ritter träumt von Olympia

Fotos: Kenny Beele

Ein Fahrstuhl braucht in den fünften Stock mehr als zehn Sekunden. Franziska Ritter schafft die 15 Meter nach oben deutlich schneller. Die 19-Jährige vom Team Düsseldorf ist Speedkletterin – eine der besten Deutschlands. Ihr großes Ziel heißt Paris 2024.

Wenn jemand anders eine nette Idee hatte, darf man das ja ruhig mal anerkennen. In diesem Fall hier war es die „WAZ“, die schrieb im Sommer 2021; „Franziska Ritter ist schneller als ein Fahrstuhl“. Schöner Vergleich, und er ist nicht mal übertrieben. Ein Aufzug in einem Wohnhaus legt in der Regel etwa 0,6 bis 1,6 Meter in der Sekunde zurück. Worüber Franziska Ritter nur müde lächeln kann. Sie schafft mehr als zwei, für 15 Meter benötigt sie nur etwas mehr als sieben Sekunden.

Deshalb an Hauswänden hochzuklettern, ist ihr trotzdem noch nicht in den Sinn gekommen, sagt die 19-Jährige lachend. Sie hält sich eher an die offiziellen Kletterwände. Sicher, als Kind ist sie auch rauf „auf Bäume und überall sonst, wo man hochklettern konnte“, wie sie sagt. „Aber ich war auch ganz früh schon mindestens einmal in der Woche in der Kletterhalle“.

Das liegt – wie so oft im Sport – an ihrer Familie, in der Sportklettern seit jeher ein großes Thema war. Für Franziska Ritter von der Düsseldorfer Sektion des Alpenvereins ist es aktuell sogar so etwas wie ihr Lebensmittelpunkt. Neben Familie, Freuden und ihrem Studium (Verkehrswirtschaftsingenieurwesen). Mittlerweile gehört sie zur Sportfördergruppe der Bundeswehr. Und zum Team Düsseldorf, das Spitzensportlerinnen und -sportler auf dem Weg zu Olympischen und Paralympischen Spielen unterstützt.

Dreimal Deutsche Meisterin in Folge

Franziska Ritter ist so eine, reist seit Jahren für ihren Sport durch die Welt. USA, Südkorea, Russland, Italien, Schweiz, Österreich, Frankreich. Ihr Traum heißt Olympia 2024 in Paris. Und macht sie so weiter wie zuletzt, stehen die Chancen gar nicht schlecht. Von 2019 bis 2021 gewann sie jeweils die Deutsche Meisterschaft, 2021 Gold bei der Junioren-Weltmeisterschaft, und dieses Jahr auch ihren ersten internationalen Wettkampf bei den Erwachsenen, am Gardasee in Italien. Zudem jüngst bei den World Games in den USA Bronze. Nicht umsonst zählt Bundestrainer Peter Schnabel sie „zu den ganz großen Talenten im weiblichen Speedklettern“.

Wie der Name vermuten lässt, geht es da um Geschwindigkeit. 15 Meter vom Boden bis nach oben, in Windeseile fast gerade hoch. Bei den Besten der Besten sieht das wirklich aus, als laufe da jemand eine Wand hoch. Was dabei hilft: Die „Route“ steht fest, die Griffe sind bei jedem Wettkampf exakt gleich angeordnet – damit man die Zeiten vergleichen kann und niemand einen Heimvorteil hat. Wer da im Laufe der Jahre tausende Mal hochgeklettert ist, kennt die Route im Schlaf. Spitzenathletinnen wie Franziska Ritter verlassen sich auf ihr motorisches Gedächtnis, arbeiten dafür umso versessener an Details, um hier und da noch eine Zehntelsekunde einzusparen.

Foto: DAV

Speed ist eine von vielen Unterdisziplinen. Früher als Kind und Jugendliche in ihrer Heimatstadt Wuppertal hat Franziska Ritter alles Mögliche ausprobiert, gewann in verschiedenen Kletter-Varianten Medaillen. „Aber irgendwann musste ich mich entscheiden.“ Fortan konzentrierte sie sich auf Speed, auch Vertikalsprint genannt. Und das passt: „Ich bin früher schon gerne gesprintet, ich mag die Schnelligkeit. Und sich eine Wand so schnell hochzubewegen, ist faszinierend. Es ist ein super cooles Gefühl, du kannst alles um dich herum ausblenden, es ist wie Fliegen.“ Nur eben von unten nach oben.

Franziska Ritter ist darin die schnellste Frau Deutschlands. Im Mai 2019 hielt sie erstmals den Rekord, in Kempten benötigte sie 9,52 Sekunden für die 15 Meter. Seitdem hat sie ihre Bestmarke immer wieder unterboten, zuletzt am 14. Juli dieses Jahres in den USA bei den World Games. 7,32 Sekunden brauchte sie dort. Was vor vier Jahren sogar noch zum Weltrekord gereicht hätte, aber die Sportart entwickelt sich immer weiter. Dieses Jahr raste die Polin Aleksandra Miroslaw in 6,53 Sekunde die Wand hoch.

Knackt sie nächstes Jahr sieben Sekunden?

Wie viel es braucht, um in zwei Jahren zu Olympia zu fahren? Schwierig, sagt Franziska Ritter, „auf jeden Fall eine tiefe Siebener-Zeit, wahrscheinlich sogar unter sieben Sekunden“. Aber warum sollte sie das nicht schaffen? Im Training kam sie einmal schon auf 7,2 Sekunden, da ist die Grenze gar nicht mehr so weit weg. „Die nehme ich mir für nächstes Jahr vor. Vom letzten auf dieses Jahr habe ich mich um fünf Zehntel verbessert.“ Klappt das noch mal, könnte es nach Paris gehen.

Dafür trainiert sie seit einiger Zeit in Düsseldorf, unter Bundestrainer Peter Schnabel. Seit Juni ist sie im Team Düsseldorf, als erste Kletterin. Die Förderung gebe ihr „die Möglichkeit, mich auf meinen großen Traum zu fokussieren“. Wobei das derzeit noch „weit weg wirkt“, wie sagt, „obwohl es das gar nicht mehr weit ist. Nächstes Jahr im August und September sind schon erste Quali-Wettkämpfe“.

Foto: D.Sports/Flo Treiber

Das Problem: Insgesamt fahren nur 14 Speedkletterinnen nach Paris, selbst bei großen Wettkämpfen bis dahin qualifiziert sich immer nur die Siegerin für Olympia. Man muss also schon zur absoluten Weltspitze gehören, um überhaupt dabei zu sein. „Stand jetzt wird es super hart. Und es gehört Glück dazu.“

Das liegt am Wettbewerbsformat. Es wird nicht nur gegen die Uhr geklettert, sondern auch gegen eine Gegnerin, ab dem Achtelfinale im K.o.-System. „Dass die mit der schnellsten Einzelzeit den ganzen Wettkampf gewinnt, ist unwahrscheinlich. Es ist in jedem Rennen so viel Druck, und der Sport ist super fehleranfällig.“

Da kann über Stunden alles glatt laufen, ein falscher Handgriff, und alles ist vorbei. Franziska Ritter findet aber genau das so spannend. Sie mag den Druck, das Gefühl, gegen Uhr und Kontrahentin zu starten. Also sei sie „optimistisch, dass der Winter jetzt viel bringt, weil ich mich im letzten auch gesteigert habe. Olympia ist schon machbar. Aber es ist verrückt, überhaupt darüber nachzudenken.“

Deutsche Meisterschaft nächste Woche

Ein guter Formtest wäre am vergangenen Wochenende in Indonesien gewesen. Aber den Wettkampf sagte Fraziska Ritter ab. Sie war länger krank, hatte nicht die nötige Form, vor allem mental. Das soll eine Woche später schon wieder anders aussehen. Am Wochenende steht die Deutsche Meisterschaft in Neu-Ulm an. „Ich hoffe, dass ich meinen Titel verteidigen kann.“ Es wäre dann der vierte für die gerade mal 19-Jährige. Und wahrscheinlich nicht der letzte.

Über das Team Düsseldorf

Im Team Düsseldorf unterstützt die Sportstadt Düsseldorf gemeinsam mit einem wachsenden Partner-Netzwerk Spitzensportlerinnen und Spitzensportler aus Düsseldorfer Vereinen auf dem Weg zu den Olympischen und Paralympischen Spielen. Die Teammitglieder werden kontinuierlich finanziell gefördert und auch bei Themen wie Mobilität, Fitness oder duale Karriere auf ihrer „Road to Paris“ begleitet.

Mit Blick auf das weltgrößte Sportereignis 2024 in Paris wurde bereits zum fünften Mal ein eigenes Team zusammengestellt, das die Sportstadt Düsseldorf bei den Spielen repräsentiert. Das Team Düsseldorf umfasst aktuell 28 Sportlerinnen und Sportler aus zehn verschiedenen Sportarten, denen durch die Unterstützung ein bestmöglicher Fokus auf die sportliche Vorbereitung ermöglicht werden soll.

Bei den vergangenen vier Olympischen und Paralympischen Sommerspielen konnten Athletinnen und Athleten des Förderprogramms 17 Medaillen nach Düsseldorf holen. Insgesamt werden über 50 Leistungssportler:innen verschiedener Altersklassen kontinuierlich in drei städtischen Förderteams unterstützt.

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