Borussia Düsseldorfs Tischtennis-Assen ist nach der WM in London keine Verschnaufpause vergönnt: Binnen 15 Tagen entscheidet sich für den Weltranglistenzehnten Dang Qiu und seine Kollegen bei den Final-Four-Endrunden in der Champions League (16./17. Mai in Saarbrücken) und in der Bundesliga (30./31. Mai in Frankfurt) die endgültige Bewertung einer bislang nicht optimal, aber insgesamt doch immer noch gut verlaufenen Saison.
Dem Übergang nach dem Laufbahnende von Vereinsikone Timo Boll und vor der Ankunft von Superstar Fan Zhendong am Staufenplatz entsprechend gehen die nach dem Jahreswechsel noch unbesiegten Borussen aus einer eher ungewohnten Ausgangslage in die Crunch Time. „Wir sind nicht mehr wie in so vielen vergangenen Jahren die Gejagten, sondern wir sind die Jäger“, beschreibt Trainer Danny Heister den bemerkenswerten Rollentausch seines Teams im „Jahr eins nach Boll“ vor dem Griff nach dem siebten Triumph.
Tatsächlich könnte schon der Start in die „Wochen der Wahrheit“ bei der Königsklassen-Endrunde für den Rekordsieger schwerer kaum sein. Im Halbfinale warten zunächst der französische Titelanwärter Alliance Nimes/Montpellier und sein Top-15-Duo mit dem Olympia-Dritten Felix Lebrun und Europameister Alexis Lebrun auf Düsseldorf, ehe im Erfolgsfall voraussichtlich Borussias Dauerrivale und Gastgeber 1. FC Saarbrücken-TT als eine womöglich noch höhere Hürde im Weg zu Europas bedeutendstem Vereinstitel darstellen würde.
„Montpellier“, weiß Qiu, „ist nicht nur wegen der Lebruns eine starke Truppe. Das wird eine echte Monsteraufgabe und sicher sehr, sehr schwierig.“ Sein Coach knobelt natürlich längst schon an einem Matchplan zur Wiederholung der Düsseldorfer Viertelfinalerfolge gegen die Franzosen in der vergangenen Saison: „Wir müssen uns etwas Besonderes einfallen lassen und Montpellier nicht nur mit unserer Aufstellung, sondern auch taktisch überraschen, zumal mit dem Entscheidungssatz nur bis zum fünften Punkt auch mehr drin sein kann als in einem normalen Satz bis elf“, sagt Heister.
Vor der Abreise an die Saar allerdings war der Niederländer für Qiu und den mit einem Infekt von der Insel an den Rhein zurückgekehrten Schweden Anton Källberg außerdem als Seelentröster nach einem enttäuschenden WM-Verlauf gefragt. Negative Auswirkungen der geplatzten Medaillenträume beider Düsseldorfer Spitzenspieler befürchtet Heister nicht: „Sie selbst haben ja gar nicht schlecht gespielt, sie können damit umgehen“, berichtete der ehemalige Profi. Auch Qiu lässt kaum Zweifel am Selbstvertrauen erkennen: „Eigentlich war es ja gar nicht so schlecht, sondern eher gut. Wir hatten eben schwere Gegner, und am Ende war Japan mit seiner bombenstarken Mannschaft auch eben mal einen Tacken besser.“

Foto: Kenny Beele
Nach dem Final4 ist vor dem Final4
Einen Tacken besser will Düsseldorf auch beim Liebherr TTBL Final4 Ende des Monats sein. Für die Premiere des Turnierformats nach Abschaffung der klassischen Play-off-Runde konnten sich die Borussen aufgrund des neuen Reglements als Bonus für Platz eins nach der regulären Saison den Gegner für das auf nur noch eine Begegnung reduzierte Halbfinale aussuchen – und entschieden sich für den Hauptrunden-Dritten TTC Schwalbe Bergneustadt. Beide Punktspiele gegen die Oberbergischen gewann zwar Düsseldorf (3:1 und 3:2), aber Qiu hält das Team seines Freundes und Nationalmannschafts-Kollegen Benedikt Duda für „brandgefährlich. Wir müssen uns nicht verstecken, aber ‚Bene‘ und auch sein Team haben eine unfassbar starke Rückrunde gespielt“.
Heister betont zusätzlich, dass in der TTBL anders in der Königsklasse die Entscheidung erst in einem Doppel fallen könnte. „Ich glaube aber schon“, meint der 54-Jährige, „dass wir in diesem Spiel Favorit sind, was im Finale anders aussehen kann.“
Der Unterschied im Fall eines Endspiels gegen das auch für Meisterschaft als erster Anwärter gehandelte „Dream Team“ der Saarbrücker (im Halbfinale gegen Herbstmeister Werder Bremen) hat einen Namen: Fan Zhendong. Der Olympiasieger gibt in Frankfurt seine endgültige Abschiedsvorstellung im FCS-Trikot – bevor der zweimalige Weltmeister ausgerechnet nach Düsseldorf umsiedelt.
Ein Problem in der nicht alltäglichen Konstellation sieht Heister – abgesehen von Fans sportlichem Wert für Saarbrücken – nicht: „Fan ist Profi, genau wie wir alle anderen. Er wird für Saarbrücken in der Champions League und in Frankfurt sein Bestes geben, und das ist in Ordnung so, auch und eigentlich erst recht für uns. Wir können uns nächste Saison über ihn freuen.“
Florian Manzke
