Das Halbfinale gegen den Dauerrivalen Mannheimer HC war nichts für schwache Nerven. Bis eine Viertelstunde vor Schluss lag der in dieser Saison ungeschlagene DHC 1:3 hinten. Der Traum vom DM-Titel bei der Endrunde in Frankfurt schien vorzeitig zu platzen.
Mehr noch: Oruz erlebte einen persönlichen Rückschlag, der nie hätte passieren dürfen. Weil ein Werbebanner auf dem Hallenboden unsauber aufgeklebt war, rutschte die DHC-Kapitänin aus, ging ungewollt in einen Spreizschritt und zog sich einen Muskelfaserriss zu. Nach ihrem Treffer zum zwischenzeitlichen 3:3 musste sie angeschlagen ausgewechselt werden, von Schmerzen gezeichnet. Durch Tore von Lucy Zich und der niederländischen Toptorjägerin Mabel Brands gelang dem DHC aber trotzdem noch die späte Wende, nachdem es in der Halbzeit in der Kabine laut geworden war.
Im Finale am Sonntag gab es das Wiedersehen mit Rot-Weiß Köln, dem Kontrahenten aus der West-Gruppe, gegen den der DHC schon zweimal in der Vorrunde gespielt hatte. Selin Oruz spielte, biss die Zähne aufeinander. Mit dick bandagiertem Oberschenkel lief die 177-fache Nationalspielerin auf. „Selin ist eine Maschine. Sie ist auch mit starken Schmerzen dabei und das macht auch was mit dem Gegner, wenn er sieht, dass Selin spielt“, sagte Mitspielerin Annika Sprink. „Es ist schon was anderes, wenn sie auf dem Platz steht.“
Sprink legte Oruz sehenswert die 1:0-Führung im Finale auf. Kurz vor der Pause dann die Szene des Endspiels. Oruz rutschte vor dem Tor der Kölnerinnen wieder weg, signalisierte sofort stärkere Schmerzen am Oberschenkel und machte sich schon auf den Weg zur Bank für ihre Auswechslung, während der Ball noch im Spiel war. Zufällig sprang dieser jedoch frei, vor den Schläger von Oruz, die mit letzter Kraft aufs Tor schoß und zur Überraschung aller das 3:0 markierte. Der mit Abstand kurioseste Treffer des Wochenendes.
Auch nach der Halbzeit schleppte sich Oruz nochmal über das Feld, ehe sie in der Schlussphase dann schmerzgeplagt von der Bank miterlebte, wie ihre Mitspielerinnen den knappen Vorsprung ohne sie über die Zeit brachten. Köln hatte auf 2:3 verkürzt, kam aber nicht mehr zum Ausgleich. Auch weil die DHC-Abwehrspielerinnen über sich hinauswuchsen. Wie Annika Sprink, mit der Oruz 2016 bei Olympia schon Bronze in Rio gewonnen hatte. Allen voran aber Hallen-Europameisterin Pia Lhotak, die mit ihrer Leistung alle anderen überragte.

„Für mich ist sie der MVP gewesen“, sagte Oruz nach Ende beim übertragenden Sender DYN über Lhotak. Doch bei der Siegerehrung wurde Oruz selbst als beste Spielerin der Endrunde gekürt. Die Auszeichnung war eine Publikumswahl gewesen. „Da zählen Tore dann vielleicht mehr. Für mich ist ein MVP mehr als Toreschießen, vor allem bei so einer konstant krassen Leistung hinten. Ich würde die Auszeichnung gerne an Pia weitergeben oder mit ihr teilen“, sagte Oruz in einer bemerkenswerten Reaktion.
Zum fünften Mal in elf Jahren triumphierte der Verein bei einer Hallenendrunde. „Das war vielleicht die stärkste Mannschaft, in wir je zusammen beim DHC gespielt haben“, sagte Oruz mit Blick auf ihre Teamkolleginnen. Nach den Feierlichkeiten in der Frankfurter Halle ging es für die DHC-Meisterinnen übrigens auf dem direkten Weg ins Clubhaus nach Oberkassel zur Feier. Einige Spielerinnen trafen sich am Morgen danach sogar noch zum gemeinsamen Frühstück im Café Muggel. Auch hier bewiesen die Deutschen Meisterinnen also beeindruckendes Durchhaltevermögen.
