„Ich bin immer eine Angriffsspielerin gewesen. Da ich immer ein bisschen draufgängerisch bin, ist der Angriffsstil natürlich für mich besser.“ Das hat Marianne Blasberg einmal in einem Fernsehbeitrag des WDR über ihr Spiel gesagt. Aber jene Aussage passt auch zu ihrem Leben. Denn die 91 Jahre alte Düsseldorferin ist nicht nur eine der erfolgreichsten Tischtennisspielerinnen der Welt – sie hat auch eine äußerst bewegte Lebensgeschichte.
1934 kommt Marianne Blasberg auf der Frankenstraße in Düsseldorf-Derendorf zur Welt, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. „Meine Kindheit war Krieg“, hat sie einmal erzählt. Treffender und trauriger kann man das wohl nicht beschreiben. 1943 bricht die Welt um sie herum zusammen. Ihr Vater ist an der Front, ihre Mutter ist mit Marianne und den beiden anderen Töchtern alleine. Die Familie erlebt den Bombenhagel auf Düsseldorf hautnah.
Als der Vater völlig traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrt, steht die Familie Blasberg vor einer ungewissen Zukunft. Übernachtet wird auf Bänken und in der Bahnhofshalle, später in einer Kaserne. Mit gerade einmal elf Jahren organisiert Marianne sehr viel allein. Ohne ihren Mut und Willen hätte die Familie es wahrscheinlich nicht geschafft.
Im Alter von 15 Jahren zieht Marianne Blasberg zu Hause aus, bekommt mit 18 Jahren Zwillinge – und schafft dennoch ihre Ausbildung zur Handelskauffrau. Eigentlich wollte sie immer Ärztin werden. Oder vielleicht Stewardess – denn das Reisen war und ist ihre große Leidenschaft. Aus dem Beruf über den Wolken wurde jedoch nichts, weil sie die Mindestgröße von 1,65 Meter nicht erreicht.

Foto: FTV Düsseldorf
Von der Gaststätte bis zu den Senioren-Weltmeisterschaften
Mit 22 Jahren entdeckt sie den Tischtennissport für sich. In einer Gaststätte. Der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Ihr Aufstieg bis in höchste internationale Sphären diverser Altersklassen beginnt 1958 beim Sportverein DJK Agon 08. Lange Zeit spielt Marianne Blasberg in der Ober- oder Verbandsliga. Später wechselt sie zum FTV 1880, dem Friedrichstädter Turnverein an der Blasiusstraße. Mehr als vier Jahrzehnte gewinnt sie unter der FTV-Flagge Titel um Titel.
Mehr als 40 Deutsche Meistertitel, 18 EM-Goldmedaillen und sechs WM-Titel erspielt sich Marianne Blasberg im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Wettkämpfe absolviert die Rechtshänderin bis zuletzt auf der ganzen Welt, bestreitet Weltmeisterschaften in der Seniorenklasse in Kanada, Brasilien, Japan, Neuseeland sowie vielen anderen Ländern. 2014 sichert sie sich in Auckland (Neuseeland) WM-Gold in der Altersklasse 80 bis 84 im Einzel, in der AK 85 reicht es zum WM-Titel im Doppel und 2024 gibt es für die zum Zeitpunkt der Weltmeisterschaft bereits 90-Jährige im Einzel, Doppel und Mixed drei weitere Goldmedaillen – eine unfassbare Leistung. „Das hat mich selbst überrascht“, sagt Blasberg.
EM-Titel trotz gebrochenem Handgelenk
Angriffsspielerin mit starkem Willen und immer eine Kämpferin. Das war und ist Marianne Blasberg. Ein weiteres Beispiel ist die folgende Geschichte aus dem Jahr 2023. Ein Trainingssturz und ein dabei gebrochenes Handgelenk scheinen eine Teilnahme an der Senioren-EM in Norwegen unmöglich zu machen. Doch schon kurz nach dem erforderlichen operativen Eingriff ist für Blasberg klar: Sie fährt auf jeden Fall zur EM.
Und sie verteidigt an der Seite der Britin Betty Bird ihren Europameisterschaftstitel im Doppel. Mit Verletzung. Fünf Tage später gelingt ihr derselbe Coup auch im Einzelwettbewerb. Trotz 0:2-Satzrückstand und mit einem 13:11 im entscheidenden fünften Durchgang. Dabei trägt Marianne Blasberg eine selbst angefertigte Bandage um das lädierte Handgelenk. Weil die Orthese vom Arzt sie zu sehr eingeschränkt hätte. Bemerkenswert.
