Seit 1947 war Schwenk Sportjournalist, ein Reporter der ersten Stunde, der den Sport nicht nur begleitete, sondern verstand, ordnete und prägte. Wer ihn erlebte, begegnete nicht nur einem bloßen Chronisten von Zeiten und Weiten, sondern einem wandelnden Lexikon, das bis zum Ende seiner Schaffenszeit jüngere Kolleginnen und Kollegen mit Geschichten, Hintergründen und Zusammenhängen „fütterte“. Schreiben, sagte er einmal, sei sein Gehirnjogging gewesen.
Der Weg in diesen Beruf begann mit einer Zeitungsanzeige in der Rheinischen Post. Schwenks Vater griff zum Telefon und rief den Sportchef einer Düsseldorfer Zeitung an, vereinbarte einen Termin für seinen Sohn. Beim Vorstellungsgespräch wurden dem jungen Gustav zehn Fragen gestellt, um sein Sportwissen zu prüfen. Nach der zweiten Frage brach der Sportchef ab – nicht aus Desinteresse, sondern aus Überzeugung: Schwenk beantwortete die Fragen derart detailreich und ausschweifend, dass kein Zweifel mehr bestand.
„Meine Frau hat zu mir gesagt: Du hast Glück, du hast dein Hobby zum Beruf gemacht. Das stimmt. Aber das kann man nur machen, wenn man die Materie, mit der man sich beschäftigt, liebt“, sagte Schwenk später im WDR.
Diese Liebe zum Sport entwickelte sich in einer Zeit, die mit dem heutigen Journalismus kaum vergleichbar ist. Ergebnisse und Zeiten wurden handschriftlich notiert, telefonisch in die Redaktionen durchgegeben, abends auf Matrizen geschrieben, vervielfältigt und per Post verschickt. Zeitungen erschienen damals nur zweimal pro Woche – und dennoch galt es, präzise und verlässlich zu sein. Schwenk arbeitete genau so, teilweise mit eigenem Fernschreiber. Heute undenkbar.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Düsseldorfer seine Laufbahn beim Sport-Informations-Dienst (sid), wo er von 1947 bis 1957 über Leichtathletik, Handball, Ringen und Gewichtheben berichtete. Ab 1957 arbeitete er als freier Journalist für zahlreiche große deutsche Zeitungen, unter anderem die Rheinische Post in Düsseldorf. Die Leichtathletik wurde dabei nicht nur sein journalistischer Schwerpunkt, sondern sein Lebensmittelpunkt. „Ihr gehörte sein Herzblut“, wie DLV-Präsident Clemens Prokop später sagte.
Ab 1952 verpasste Schwenk keine Olympischen Spiele mehr. Bis 2004 war er bei jeder Ausgabe dabei – 15 Sommerspiele insgesamt. Er war Augenzeuge von rund 300 Weltrekorden in der Leichtathletik. Es war seinen Kollegen eine Sondermeldung wert, wenn Gustav Schwenk einmal bei Deutschen Meisterschaften fehlte – von den Crossläufen bis zu den Jugendtitelkämpfen.
Die besondere Geschichte mit Armin Hary
Doch Schwenk beschrieb Sport nicht nur, er beeinflusste ihn auch. Einen nachhaltigen Beitrag leistete er bei der Einführung der Hundertstelsekundenmessung in der Leichtathletik. Auslöser war ein 15-Kilometer-Skilanglauf bei Olympischen Winterspielen, der mit einem Vorsprung von einer Hundertstelsekunde entschieden wurde. Schwenk sprach das Missverhältnis offen an: Im Langlauf würden lange Distanzen auf Hundertstel gemessen, während in der Leichtathletik 60 Meter noch in Zehntelsekunden gestoppt wurden.
Er trug das Thema dem europäischen Verbandspräsidenten vor – der fühlte sich in seiner Ehre gepackt und änderte die Regularien in der Leichtathletik bereits zur nächsten Hallen-Europameisterschaft. „Früher war vieles möglich, was heute nicht möglich ist“, sagte Schwenk rückblickend. Besonders deutlich wird das an der legendären Geschichte um Armin Harys 100-Meter-Weltrekord 1960 in Zürich – einer Episode, die Schwenk aus dem journalistischen Hintergrund ins Zentrum des Geschehens rückte.

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Am Abend vor dem Meeting war Schwenk damals mit seinem „lahmen Mercedes Diesel“ bereits in der Schweiz angereist. Dort erfuhr er von den Organisatoren, dass mehrere Sprinter abgesagt hatten – darunter Armin Hary. Der Grund: Der deutsche Verband wollte Hary für die Olympischen Spiele in Rom schonen. Schwenk klärte sofort die Unstimmigkeiten mit dem Verband telefonisch und erwirkte die Starterlaubnis für den nächsten Tag. Ein weiteres Problem folgte sofort: Es gab keinen Platz mehr auf den Flügen von Frankfurt nach Zürich. Schwenk organisierte Hary also kurzerhand einen Sitz in einer Transportmaschine – und holte ihn im Anschluss persönlich vom Flughafen ab.
Auf der Aschebahn von Zürich lief Hary im ersten Lauf handgestoppte 10,0 Sekunden. Weltrekord! Das Kampfgericht annullierte die Zeit aber wegen eines angeblichen Fehlstarts, den Schwenk leibhaftig miterlebt hatte. „Das war ein klarer Fehlstart. Armin Hary hat immer versucht, die Zeitnehmer zu überlisten“, sagte Schwenk später.
Doch jetzt begann Schwenks Arbeit erst so richtig. Er hakte nach, fand heraus, dass ein Ersatzstarter an der Pistole gestanden hatte, der den Fehlstart zwar bemerkt, aber aus Nervosität nicht zurückgeschossen hatte. Schwenk machte mit dem Regelwerk in der Hand auf die Möglichkeit eines Wiederholungslaufs aufmerksam. Der Wiederholungslauf fand statt – mit nur noch zwei Teilnehmern. Einer davon: Armin Hary. Wieder lief er 10,0 Sekunden und wurde der erste Mensch, der diese Zeit offiziell erreichte. Weltrekord! Diesmal bestätigt.
„Gustav Schwenk hatte entscheidenden Anteil daran, dass ich 1960 in Zürich den Wiederholungslauf bekommen habe und so als Erster 10,0 Sekunden laufen konnte“, sagte Hary später. „Ich war nicht unbedingt sein Liebling. Aber über die Jahre haben wir viel gemeinsam erlebt und konnten rückblickend darüber lachen.“
Die Geschichte ging weiter: Am Morgen nach dem Weltrekord wurden beide im Hotel von einem umgestürzten Milchwagen geweckt. Auf dem Hotelflur verabredeten sie sich bereits für einen Treffpunkt im Olympiastadion von Rom. Dort gewann Hary im folgenden Sommer zweimal Gold – über 100 Meter und mit der 4x100-Meter-Staffel. Und im Anschluss trafen sich Schwenk und Hary im Römer Stadion wie vereinbart wieder.
Das wandelnde Sportlexikon
Der Begriff des „journalistischen Urgesteins“ mag abgenutzt sein – bei Gustav Schwenk scheint er erfunden worden zu sein. Sein Archiv war legendär, seine Aussagen belegbar, sein Gedächtnis noch beeindruckender. Michael Gernandt schrieb zu Schwenks 90. Geburtstag: „Gustav Schwenk schrieb, was Sache war, schnörkellos, faktenreich.“
Begegnungen mit ihm glichen sporthistorischen Privatvorlesungen. Er erzählte – und fragte zugleich nach dem Menschen: nach Familie, Beruf, Krankheiten. Er prüfte sein Gegenüber gern: „Weißt du, welches sporthistorische Ereignis heute vor 75 Jahren stattgefunden hat?“ Wer antworten konnte, gewann sichtbar an Ansehen.
Schwenk war nicht nur Chronist, sondern selbst Teil der Leichtathletikgeschichte. Er interessierte sich für Zusammenhänge, nicht für Spekulationen. Über Doping schrieb er zurückhaltend – nicht aus Nachsicht, sondern aus journalistischer Redlichkeit: Er habe nicht genügend Kenntnisse über die Gesamtheit des Phänomens, sagte er, und halte sich deshalb zurück.
In seinen letzten Jahren schien er gelegentlich zu resignieren, weil das Wissen um die Vergangenheit im modernen Sportbetrieb an Bedeutung verlor. Doch gerade darin liegt sein Vermächtnis: Gegenwart lässt sich nicht ohne Vergangenheit verstehen.
Gustav Schwenk, geboren am 17. Dezember 1923 in Düsseldorf, gestorben am 11. Januar 2015, war mehr als ein Zeitzeuge. Er stand für eine Haltung zum Sport und zum Journalismus, die Wissen, Genauigkeit und Respekt miteinander verband. Die Aufnahme in die Sports Hall of Fame Düsseldorf erinnert daran, dass Sportgeschichte Menschen braucht, die sie nicht nur mitschreiben – sondern bewahren.
