„Ich bin erleichtert und traurig“, sagte Wolfgang Vander nach seinem letzten Training im Jahr 2016. Es war ein leiser, fast unscheinbarer Satz – und doch beschreibt er irgendwie passend das Ende eines außergewöhnlichen Lebenswerks. Erleichtert, weil nach mehr als fünf Jahrzehnten an Laufbahnen, auf Sportplätzen und in Hallen ein intensiver Abschnitt zu Ende ging. Traurig, weil der Sport für ihn nie nur Aufgabe oder Beruf war, sondern sein Lebensinhalt.
Geboren und aufgewachsen in Düsseldorf-Oberbilk, in der Flügelstraße, kam Vander aus einem Elternhaus mit fünf Kindern. Sport wurde für ihn früh zum Weg, sich zu behaupten, sich außerhalb der Familie einen Platz zu erarbeiten. „Das hat ihn motiviert“, sagt beispielsweise Tochter Regine. „Er hat den Sport authentisch verkörpert.“ Schon als junger Mann probierte er vieles aus: Tischtennis, Schießen, Boxen, Tanzsport, später Tennis – solange es der Körper zuließ. Bewegung war für ihn selbstverständlich.
1962 begann seine Trainerlaufbahn beim DSC 99 in Düsseldorf. Bereits drei Jahre später führte er seine Athletinnen zur Deutschen Jugendmeisterschaft. Es war der Auftakt zu einer Karriere, die die deutsche Leichtathletik nachhaltig prägen sollte. Rund 150 Titel sollten es am Ende werden, national wie international. Doch Zahlen allein erzählen nur einen Teil der Geschichte.
Vanders große Stärke war sein Blick für Menschen. „Er hatte ein gutes Auge – vor allem für den Charakter“, sagen die, die ihn gut kannten. Schnell erkannte er, wer bereit war, Verantwortung zu übernehmen, wer Durchhaltevermögen mitbrachte. Talentsuche bedeutete für ihn nie nur körperliche Voraussetzungen, sondern Persönlichkeit. „Er konnte sehr gut motivieren. Ruhig, verlässlich war er. Jemand, der Sicherheit vermittelt hat“, beschreiben ihn seine Vertrauten.
Diese Haltung führte wie selbstverständlich zum Erfolg – fruchtete sportlich wie menschlich. In den 1980er-Jahren formte Vander zwei der herausragendsten Mehrkämpferinnen ihrer Zeit: Sabine Everts, später Thomaskamp, gewann 1984 in Los Angeles Bronze im Siebenkampf, Sabine Braun wurde Olympiadritte 1992 und zweifache Weltmeisterin. Beide hatten bei Vander das Leichtathletik-Einmaleins gelernt. „An die beiden Olympischen Spiele denke ich besonders gern zurück“, sagte er später. „Aber mir sind alle Sportlerinnen ans Herz gewachsen.“
Als Trainer war er 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul dabei. Er erlebte den Weltleistungssport aus nächster Nähe – ohne je die Bodenhaftung zu verlieren. Erfolg war für ihn nie Selbstzweck. „Wenn wir eine Meisterschaft errungen hatten, gingen die Gedanken oft schon weiter“, sagte Vander. „Wie verteidigen wir den Titel?“ Der Blick war stets nach vorn gerichtet – im Dienst der Athletinnen.
Seine Trainingsmethoden waren kreativ, manchmal unkonventionell. Als der Fosbury-Flop im Hochsprung aus den USA nach Europa kam, baute Vander kurzerhand ein Trampolin auf. Auf einer Bank liefen seine Schützlinge entlang, um dann rückwärts auf ein Trampolin zu springen. Das Ziel: Den neuen Bewegungsablauf verinnerlichen. Für das Hürdentraining schob er Athletinnen im Einkaufswagen an Hindernissen vorbei. So lernten sie, das Bein passend über die Hürden zu heben. Spielerisch, anschaulich, mutig – so vermittelte er Technik und Vertrauen zugleich.
Gemeinschaft war ihm ebenso wichtig wie Leistung. „Nach dem Sport wurde gemeinsam geschwommen, geturnt oder Kuchen gegessen“, erinnert sich Tochter Regine. Kuchen war seine große Schwäche. Auch im Training war Vander stets präsent, oft mitten auf dem Platz. Er hörte zu, korrigierte Kleinigkeiten, pendelte zwischen den Gruppen. Kommunikation war für ihn zentral.

Diese Nähe blieb über Jahrzehnte bestehen. Zum 80. Geburtstag lud der damalige ART-Macher Peter Kluth alle ehemaligen Athletinnen ein. Die Resonanz überwältigte: Dutzende kamen, gefühlt „die halbe Königsallee“ war bevölkert. Vander war sichtlich gerührt. Es war ein eindrucksvoller Beweis der gegenseitigen Wertschätzung – und der lebenslangen Bindungen, die hier entstanden waren. Mit Sabine Everts traf er sich beispielsweise noch Jahre später regelmäßig zum Doppelkopf spielen. Kein Einzelfall: Auch mit vielen anderen, ehemaligen Athletinnen gab es noch lange nach der gemeinsamen Trainingsarbeit ein herzliches und regelmäßiges Wiedersehen.
Bis ins hohe Alter blieb Wolfgang Vander dem ART Düsseldorf treu. Erst mit 82 Jahren beendete er seine Trainerlaufbahn, trainierte zuletzt noch die U14. Ein kurzes Intermezzo bei Bayer Dormagen führte ihn schnell zurück zu seinem Verein. Selbst körperliche Einschränkungen durch seine Neuropathie änderten nichts an seiner Präsenz – er blieb ein ruhender Pol, ein Fels in der Brandung.
Auch abseits des Sports war Vander kreativ. Malen war seine zweite Leidenschaft. Nach seinem Abschied vom Sport schuf er abstrakte Werke, gestaltete Kalender und Weihnachtskarten für die Familie. Aktiv blieb er bis zuletzt.
Sein privates Glück fand er ebenfalls im Sport. 1953 lernte er beim Deutschen Sportfest in Hamburg Inge Froitzheim kennen. Es entstand eine Ehe von mehr als 65 Jahren. Vier Kinder, 13 Enkel- und elf Urenkelkinder wuchsen zu einer großen Familie zusammen. Das jährliche Familientreffen, einst von Wolfgang initiiert, lebt bis heute fort.
Am 13. September 2023 starb Wolfgang Vander im Alter von 89 Jahren. Die Beerdigung fand im engsten Kreis statt – ganz in seinem Sinne. Die große Öffentlichkeit hatte er stets gemieden. „Er hat alles um des Sports willen gemacht“, erzählen seine Familienmitglieder. „Es ging ihm nie um sich selbst.“
Vielleicht passt deshalb dieser Satz am besten zu seiner Aufnahme in die Sports Hall of Fame Düsseldorf. Voller Überzeugung sagte Wolfgang Vander: „Ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben.“ Die Düsseldorfer Leichtathletik hatte es auch.
