21. Mai 1989 – ein Stück Düsseldorfer Sportgeschichte. Es ist ein Sonntag, der Schauplatz die Ernst-Kamieth-Halle in Frankfurt an der Oder. Trotz einer 15:18-Niederlage im Rückspiel gegen den Armeesportklub Vorwärts Frankfurt jubeln die Gäste aus Westdeutschland. Die TuRU Düsseldorf krönt sich nach dem 17:12-Erfolg aus dem Hinspiel in der heutigen Mitsubishi Electric HALLE zum Champion im IHF-Pokal und damit zum Handball-Europapokalsieger.
Trainer Horst „Hotti“ Bredemeier und seine Spieler vollbringen mit dem Triumph ein kleines Handball-Wunder – oder wie es einmal geschrieben wurde: Der TuRU gelingt im wahrsten Sinne des Wortes der ganz große Wurf. Bis heute ist jener mit 150.000 DM garnierte Erfolg der größte in der Düsseldorfer Handballgeschichte, deren erfolgreichste Epoche die Glanzzeit der TuRU zum Ende der 1980er-Jahre ist.
Der „König der Kö“ finanziert die erfolgreiche TuRU-Zeit
Mit 38:14-Punkten qualifiziert sich die TuRU als Tabellenzweiter der Bundesligasaison 1987/88 für den IHF-Pokal, sozusagen der UEFA-Cup des Handballs, und beginnt ihre wundersame Reise mit zwei ungefährdeten Siegen (25:19, 24:17) gegen Hapoel Ramat Gan aus Israel. Deutlich enger geht es schon in der zweiten Runde gegen Benfica Lissabon zu, aber auch die Partien gegen die Portugiesen gehen beide an die Düsseldorfer (19:15, 12:11).
Die konstant guten Ergebnisse in der Bundesliga sowie der Erfolg im IHF-Pokal sind kein Zufallsprodukt. Zum einen ist es natürlich die gute Arbeit von Bredemeier, der dafür bekannt ist, Spieler besser zu machen und Mannschaften zu formen, die perfekt aufeinander abgestimmt sind. Zum anderen ist es das Geld von Wolfgang Struck. Der „König der Kö“ genannte millionenschwere Devisenhändler – einst selbst Torwart beim THW Kiel – steigt in den Achtziger Jahren als Mäzen ein und buttert eigenen Angaben zufolge jährlich bis zu 200.000 Deutsche Mark in den Verein.
Über Politechnica Timisoara aus Rumänien (22:12, 18:20) zieht die TuRU ins Halbfinale ein und macht im zweiten Duell mit dem spanischen Klub CD Cajamadrid sogar einen Vier-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel wett. Mit einem 24:17 ziehen Richard Ratka und Co. ins Finale ein.
Das Hinspiel findet in der damaligen Philipshalle statt. Vor ausverkauftem Haus besiegt die TuRU mit 17:12 den ASK Vorwärts Frankfurt/Oder. Für das entscheidende Aufeinandertreffen geht es zunächst mit dem Flugzeug nach Berlin-Tegel, per Bus durch den Checkpoint Charlie und schließlich weiter gen Osten. In der kleinen Halle herrscht ohrenbetäubender Lärm. 700 ASK-Fans und 50 Anhänger aus Düsseldorf verleihen dem Finalrückspiel einen würdigen Rahmen.

TuRU-Torhüter Michael Barda (l.). Foto: imago/Horstmüller
Torhüter Michal Barda wird mit seinen Paraden zum Helden
Das Publikum in der Halle, deren Kapazität wegen der Bandenwerbung sogar noch um 100 reduziert wurde, erlebt ein hektisches, von zahlreichen Fouls durchsetztes Final-Rückspiel ohne spielerische Glanzleistungen. Doch daran stört sich auf Düsseldorfer Seite niemand. In der 39. Spielminute erleidet das Bredemeier-Team jedoch einen schmerzlichen Rückschlag. Richard Ratka sieht die Rote Karte. Davon lassen sich die Düsseldorfer Handballer mit Harz an den Fingern und dem Herz am rechten Fleck aber ebenso wenig beeindrucken, wie von den Entscheidungen der Schiedsrichter, die den Frankfurtern zehn Siebenmeter zusprechen. Eine entscheidende Figur dieses 21. Mai 1989 ist TuRU-Torhüter Michal Barda, der zwölf gegnerische Würfe aus dem Feld sowie drei dieser Siebenmeter abwehrt.
„Es war keine einfache Saison. Einige Sponsoren sind abgesprungen, es gab finanzielle Probleme. Dennoch sind wir als Mannschaft so eng zusammengewachsen, dass wir vor allem im Europapokal etwas Unvorstellbares erreicht haben. Der Europapokalsieg war am Ende ein Erfolg für die verbliebenden Sponsoren, die Fans und die Verantwortlichen und natürlich für uns als Mannschaft“, erinnert sich Barda, der 1988 aus Großwallstadt zur TuRU kam, gerne zurück.
Sein Stellvertreter Harald Fischer wehrt auch noch zwei Strafversuche des DDR-Klubs ab, den letzten davon beim Stand von 11:14. Im Gegenzug erzielt Olaf Neumann das 12:14 und in der verbleibenden Spielzeit kann sich Frankfurt nicht mehr entscheidend absetzen. Das 15:18, bei dem Frank Harting mit fünf Treffern bester Werfer ist, reicht aus Düsseldorfer Sicht. Im Moment des Triumphs stürzen sich Spieler, Trainer Bredemeier, Assistent Walter Traxel, Werbemanager Willi Körs und der Vorsitzende Leo Icks auf Torhüter Barda. „Das ist der helle Wahnsinn“, freut sich Icks.
Geldgeber Struck, der sich zuvor an der Börse verspekuliert, hat sich zu diesem Zeitpunkt längst abgesetzt. Durch ein Kompensationsgeschäft versucht der Mäzen wieder zu Geld zu kommen, indem er israelische Kampfflugzeuge gegen Bananen nach Honduras liefern will. Das Vorhaben scheitert und über New York geht es für Struck auf die Philippinen. Die TuRU indes erlebt ihren Höhepunkt ohne den Geldgeber und kurz darauf ist die schönste Handball-Zeit in Düsseldorf auch schon wieder vorbei.
Helden von 1989 treffen sich alle fünf Jahre in Düsseldorf
Das Wunder im IHF-Pokal ist bis heute der letzte Triumph dieser Kategorie. 1990 geht es zurück in die Zweitklassigkeit, 1992 ereilt die Mannschaft dasselbe Schicksal. Fortan pendelt der Verein, der nach der Loslösung von der TuRU als HSV Düsseldorf antritt, zwischen den Ligen. Infolge der Fusion mit dem ART entsteht wieder neue Aufbruchstimmung, aber langfristigen Erfolg hat keiner der Macher. Und auch sonst hat es der Handball in Düsseldorf nicht immer leicht. Abgesehen vom Super Cup vor dem Saisonstart der Bundesliga und gelegentlichen Heimspielen des Bergischen HC rückt die Stadt erst wieder zum EM-Auftaktspiel vor Weltrekordkulisse in der MERKUR SPIEL-ARENA im Januar 2024 überregional in den Handball-Fokus.
Die TuRU-Helden von 1989 aber treffen sich noch immer regelmäßig. Seit ihrem Coup kommen die Europapokalsieger alle fünf Jahre in Düsseldorf zusammen. Organisiert von Andreas Hertelt, heute Unternehmensberater, treffen sie sich am Uerige in der Altstadt und lassen bei ein paar Bier die Erinnerungen an die schillerndste Handball-Epoche in Düsseldorf aufleben.
