Hans Wilhelm Gäb war vieles zugleich – Athlet, Manager, Reformer, Mahner, Visionär. Vor allem aber war er eines: ein Mensch, der seine Überzeugung nie dem Beifall opferte. Über fast fünf Jahrzehnte hinweg prägte er den deutschen Sport wie kaum ein anderer – mit Haltung, mit Wort, mit Tat. Für viele galt er als „das moralische Gewissen des deutschen Sports“ – eine Zuschreibung, die er nie suchte, aber durch sein Leben mehr als verdiente und von vielen Seiten zugeschrieben bekam.
Der Anfang an einem Küchentisch
Geboren wurde Gäb am 31. März 1936 in Düsseldorf. Sein Weg begann dort, wo große Geschichten selten beginnen: zu Hause, am Küchentisch. Dort schlug der junge Hans Wilhelm seine ersten Bälle. Aus kindlicher Freude wurde Leistung, aus Leistung Leidenschaft. Schon bald stand er in deutschen Elitehallen und schließlich in der Nationalmannschaft. Mehrfach wurde er Deutscher Meister mit Borussia Düsseldorf. Sein persönliches Motto, das er bereits damals verinnerlichte, begleitete ihn ein Leben lang: „Lerne anständig zu verlieren und in Bescheidenheit zu gewinnen.“
Für Gäb war dies weit mehr als ein sportlicher Grundsatz. Es wurde sein moralisches Fundament – eine Haltung gegen das Raunen des Erfolgs, gegen Eitelkeit und gegen jene, die den Sport nur als Bühne für Ego und Macht verstanden.
Der „Tischtennisreformer“
1981 übernahm Gäb das Präsidentenamt des Deutschen Tischtennis-Bundes. 13 Jahre lang führte er den Verband, professionalisierte Strukturen, setzte Standards und öffnete Türen. Sein Wirken war nicht laut, aber nachhaltig.
Hans-Wilhelm Gäb (l.). Foto: Borussia Düsseldorf
Er erkannte früh, dass Sport nur dann gesehen wird, wenn er erzählt wird – deshalb sorgte er dafür, dass Tischtennis im Fernsehen besser wahrgenommen werden konnte. Er führte einen roten Hallenboden ein, holte erstmals TV-Experten an die Platte und etablierte Marketingstrukturen, die bis heute Bestand haben. Seine Vision war klar: „Sport ist kein Beiwerk. Er ist eine Erzählung über Menschen, Entscheidungen und Werte.“
Der Höhepunkt seiner Amtszeit war die Tischtennis-Weltmeisterschaft 1989 in Dortmund. Deutschland gewann den Doppel-Weltmeistertitel mit Steffen Fetzner und Jörg Roßkopf – plötzlich war Tischtennis ein Ereignis, ein Thema, ein Stolz. Für viele war dies der Moment, in dem Gäb den Sport endgültig aus der Nische führte: „Er machte aus einem Geräusch – dem Klacken eines Zelluloidballs – eine Stimme im deutschen Sport.“, sagte ein Weggefährte später.
Zweites Leben als Manager mit Werten
Parallel dazu baute Gäb eine außergewöhnliche zweite Karriere auf. Als Journalist gründete er 1968 die Auto-Zeitung. Später stieg er bei Ford, Opel und General Motors in höchste Führungsebenen auf. Er war ein Mann, der vernetzen und überzeugen konnte – weil er nie mit Macht, sondern mit Glaubwürdigkeit argumentierte. Doch er war auch unbequem, wo Moral wankte. Als der Konzern mit zweifelhaften Methoden agierte, trat er aus Protest zurück. Ein Kollege formulierte es später so: „Gäb war nie käuflich. Er war verlässlich.“
1992 stand Gäb vor dem vielleicht größten Schritt seines Lebens: Er war als Chef de Mission für das erste gesamtdeutsche Olympiateam vorgesehen und als potenzieller Nachfolger von Willi Daume im NOK im Gespräch. Eine schwere Lebererkrankung stoppte alles. 1994 rettete eine Transplantation sein Leben.
Die Erfahrung verwandelte ihn. Aus persönlicher Dankbarkeit wurde gesellschaftliches Engagement. Er gründete den Verein „Sportler für Organspende“ und später „Kinderhilfe Organtransplantation“. Prominente wie Michael Schumacher, Steffi Graf, Boris Becker oder Günther Jauch unterstützten ihn. Gäb selbst nannte diese Tätigkeit einmal „die wichtigste Aufgabe meines Lebens – weil sie nicht mir, sondern anderen das Leben schenkt.“
Gäb revolutionierte die Deutsche Sporthilfe
2005 übernahm Gäb die Deutsche Sporthilfe in einer Phase tiefen Misstrauens. Er rettete die Organisation nicht durch Aktionismus, sondern durch Werte. Er formulierte ihren neuen Markenkern: „Leistung. Fairplay. Miteinander.“ Es war kein Slogan, sondern ein moralischer Auftrag – an Athleten, Funktionäre, Gesellschaft.
Hans-Wilhelm Gäb (r.) neben Thomas Bach. Foto: Borussia Düsseldorf
Unter seiner Führung entstand die Hall of Fame des deutschen Sports, deren Gründungsgedanke aufhorchen ließ: Sie sollte kein Ort blind strahlender Heldenverehrung sein. Gäb fragte öffentlich: „Wie kann eine Ruhmeshalle glaubwürdig sein, wenn sie keine dunklen Kapitel kennt?“ Es war eine radikale Forderung nach Ehrlichkeit. Und sie traf einen Nerv.
Der letzte moralische Akt
2006 erhielt er den Olympischen Orden des IOC – eine der höchsten Auszeichnungen des Weltsports. Zehn Jahre später gab er ihn zurück. Sein Grund: der Umgang des IOC mit Russlands Staatsdopingsystem. Gäb kommentierte: „Ein Orden, der neben Unrecht hängt, kann keinen Glanz tragen.“ Es war kein Akt des Zorns, sondern einer der Konsequenz. Vielleicht der konsequenteste seines Lebens.
Manche fanden ihn anstrengend. Manche fürchteten seine Klarheit. Manche beneideten seine Integrität. Aber niemand ignorierte ihn. Steffen Haffner, langjähriger FAZ-Sportchef, formulierte über Gäb: „Er war kein ‚Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ‘. Er bevorzugte die leisen Töne – aber wenn er sprach, musste man hinhören.“
Als Hans Wilhelm Gäb am 13. April 2025 starb, zwei Wochen nach seinem 89. Geburtstag, hinterließ er seine Ehefrau Hella, zwei Kinder – und eine Leerstelle, die größer wirkt als jede Funktion, die er je innehatte. Er hinterließ einen Maßstab. Einen Satz, an dem sich Sportler und Systeme messen lassen müssen: „Fairplay ist keine Kür. Es ist die Bedingung, unter der Sport überhaupt erst Sinn ergibt.“
Gäb hat nicht nur Reformen hinterlassen. Er hat ein Bewusstsein hinterlassen. Eines, das bleibt, solange Werte nicht verhandelbar sind. 2020 wurde Hans Wilhelm Gäb selbst in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Diesmal gab es keine Debatte, keine Gegenstimme. 2025 folgte die Aufnahme in die Sports Hall of Fame Düsseldorf. Einstimmig und ohne Zweifel.
